Jäger und Sammler

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Allerspätestens seit dem Siegeszug des Automobils vor nunmehr über 125 Jahren glaubte man, die evolutionäre Erblast des Daseins als Jäger und Sammler endgültig abgelegt zu haben. Allerdings nun, zum gefühlten Ende des Erdölzeitalters, mehren sich die Anzeichen, dass die Evolution doch nachtragender ist als ursprünglich angenommen und sich doch nicht so einfach abschütteln lässt. Lediglich das Terrain des Jagens und Sammelns hat sich ein wenig verschoben.

Es soll hier mitnichten von der jederzeit thekentauglichen Thematik des Unterschiedes von Männlein und Weiblein in Bezug auf die Orientierungsfähigkeit die Rede sein. Ob Männer sich aufgrund der Beweglichkeit der Jagdziele in Form von welchen Tieren auch immer eher an Routen orientieren und Frauen sich lieber unbewegliche Büsche und Sträucher merken, wird die Wissenschaft wohl noch viele Jahre beschäftigen. Und auf dem immer enger werdenden Markt der Navigationsgeräte bestimmt noch für die eine oder andere Überraschung sorgen.

Psychologen wissen davon zu berichten, dass die enge gefühlsmäßige Bindung des Fahrers an sein Fahrzeug bisweilen zu einer Art „Verschmelzung“ führt, die einer virtuellen Verlängerung der Extremitäten entspricht. Diese Vereinigung findet in noch viel stärkerem Maße bei Motorradfahrern statt, wie in dem Buch „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ von Robert M. Pirsig mit meditativem Touch eindrucksvoll dargestellt wurde.

Hier offenbaren sich dann vollkommen ungeniert wieder die lässlichen (und lästigen!) Urtriebe des Jagens und Sammelns. Dies führt bisweilen, getragen von der Welle der Geschwindigkeit, zu einer unangemessenen Überhöhung des „Ichs“. Werden vordergründig Jagdinstinkte durch Überholvorgänge beziehungsweise überholte Fahrzeuge befriedigt und dadurch Erfolgsmomente gesammelt, so stellt sich das Ganze am Ende eher als Sammlung von Punkten im „Verkehrszentralregister“, umgangssprachlich besser als Verkehrssünderdatei bekannt, dar. Dieses „Punktesystem“ soll nach dem Willen von Bundesverkehrsminister Ramsauer gründlich reformiert und entschlackt werden.

Als unrühmlicher Höhepunkt des Punktesammelns und der Versündigung im Verkehr droht der (zeitweilige) Entzug der Fahrerlaubnis. Schenkt man wiederum Verkehrspsychologen Glauben, so kommt dies angesichts der erwähnten tiefen gefühlsmäßigen Bindung an das Fahrzeug einer „Amputation“ gleich, nur noch vergleichbar mit der Trennung vom Partner oder der Partnerin.

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Ausgabe 2/2012

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In diesem hochsensiblen Umfeld ist also größte Vorsicht geboten. Gerade Anfang 2012 wird die Seele des Autofahrers wieder auf das Höchste strapaziert. Ein Blick auf die Benzin- und Dieselpreise wirken jeweils wie Schläge in die Magengrube. Dazu rumort es, dass die Preise nicht mehr wirklich sinken werden, ob wegen Knappheit, China oder sonst etwas, egal. Die Dieselpreise zeigen zudem nicht den durch die geringere Steuerlast (Mineralöl- plus Mehrwertsteuer: -22 Cent) zu erwartenden niedrigeren Preis. Dem Dieselboom in Deutschland wollten die Raffinerien keine teuren Investitionen für Kapazitätserweiterungen entgegensetzen. Man wartet wohl einfach ab, bis die Sache mit dem Erdöl sich von alleine erledigt hat. Diese unsägliche Preisentwicklung wird begleitet von einer neuen Debatte um Herabsetzung, ja sogar kompletter Abschaffung der Entfernungspauschale („Pendlerpauschale“). Der Ruf nach einer „alternativen Verkehrspolitik“ wird dann schnell laut, was auch immer sich hinter dieser Worthülse verbirgt. Leisere Stimmen wagen es, über eine Erhöhung der Pauschale zu diskutieren. Es gibt kaum eine Steuerschraube, an der seit ihrer Einführung für PKW im Jahre 1955 mehr herumgedreht worden ist. Nicht verstummen will zudem die Diskussion um eine PKW-Maut auf Autobahnen (siehe Flottenmanagement 3/2010).

Derweil machen sich findige PKW-Piloten so ihre eigenen Gedanken, wie der Tank kostengünstig zu füllen sei. Die ganz unfeine Methode ist das mittlerweile in den Medien sehr häufig vermeldete „Anzapfen“ von Tanks abseitig abgestellter Fahrzeuge. Ergiebiger ist da der direkte Zugriff auf große Vorratstanks ganzer Fahrzeugflotten, wobei da häufig noch ein Zwischenhändler die Hand aufhält und mitverdient.

Aber warum so kompliziert, wenn der Stoff noch einfacher zu bekommen ist? Still und heimlich hat sich die Szene der „Pöler“ entwickelt, derjenigen nämlich, die mit Pflanzenöl („Pöl“) ihre Tanks füllen. Nach einer einfachen Umrüstung kann man dann mit Rapsöl anstelle von Diesel fahren; böse Zungen sprechen dabei auch von „Frittendiesel“. Das kann man legal an einer Pflanzenöltankstelle bekommen oder im Supermarkt zu Discounter- Preisen erstehen, Letzteres erfüllt bei Betankung allerdings den Tatbestand der Steuerhinterziehung.

Bei Benzinern läuft mit den öligen Vorräten nichts, sie müssen auf Hochprozentiges zurückgreifen, Bio-Ethanol mit 85 Prozent Alkohol bietet sich da an. Die Scheu alleine schon vor E10 (siehe Flottenmanagement 3/2011) lässt dies allerdings noch als mikroskopisches Nischenprodukt erscheinen.

Minister Ramsauer versucht ja ab und zu auch, den gestressten PKW-Fahrern ein Bonbon zu servieren, welches sich dann aber schnell als „Knallbonbon“ entpuppt. So fand sein Vorschlag, das LKW-Fahrverbot auf Gründonnerstag und Freitag vor Pfingsten zu erweitern, beim transportierenden Gewerbe naturgemäß wenig Anklang und verschwand wieder vom Tisch. An sich war das Ansinnen des Ministers durchaus sinnhaft, wenn man sich vor Augen hält, dass gerade der Freitag vor Pfingsten üblicherweise der verkehrsreichste des ganzen Jahres ist (da sich sonst eine Urlaubsfahrt nicht lohnen würde).

Andere aufschreckende Fakten erzeugen die Autofahrer allerdings selbst. So stieg in 2011 zum ersten Mal seit 20 Jahren die Anzahl der Verkehrstoten gegenüber dem Vorjahr um satte 9,4 Prozent. Auch die Anzahl der Verletzten stieg um 5,5 Prozent, während die Gesamtanzahl der Unfälle leicht sank (-2,8 Prozent, siehe auch Flottenmanagement 6/2011). Besonders betroffen waren Fußgänger und Zweiradfahrer, speziell Jugendliche und Senioren.

Bei den Gründen für diese negative Entwicklung gehen die Darstellungen allerdings weit auseinander. Gerne werden dann die (guten!) Wetterbedingungen genannt, bei denen eben häufiger und schneller gefahren werde, insbesondere auf Landstraßen, und es seien mehr Fußgänger und Zweiradfahrer unterwegs. Andere sehen als Grund den Verfall der Sitten, also Leichtsinn und Rücksichtslosigkeit, oder schlicht Fehler beim Abbiegen. So genau weiß es am Ende keiner. Mir wird bei der Diskussion bei genauerem Hinsehen allerdings Angst und Bange. Wenn sich innerhalb eines Jahres die Sitten so dramatisch zum Schlechten hin entwickeln können, wie soll das dann weitergehen? Da wird offensichtlich an einem ganz großen Rad gedreht. Und wenn dann noch gutes Wetter (Klimawandel sei Dank!) hinzukommt, helfen eigentlich nur noch großflächige Fahrverbote, bis die Statistik wieder stimmt. Angesichts der oben erwähnten Antriebsprobleme wird sich das aber sowieso wohl von alleine regeln …

Eine besondere Spezies von Fahrzeuginsassen erweckt neuerdings wieder zunehmendes Interesse: der Gurtmuffel. Schien er vor einigen Jahren so gut wie ausgerottet, so wird er immer häufiger auf freier Strecke gesichtet. Vielleicht hat der eine oder andere den Eindruck, das gesamte Sicherheitspaket heutiger Fahrzeuge würde zumindest bei kurzen Fahrten das Anschnallen überflüssig machen. Doch, wie der ADAC herausfand, entspricht ein Auffahrunfall mit 30 km/h einem Sturz aus knapp vier Metern Höhe auf Stein (bei 50 km/h sogar schon zehn Meter!). Da kann man sich mit den eigenen Händen nicht mehr abstützen.

Während allerdings der Gurtmuffel in erster Linie sich selbst gefährdet, so stellt der Raser eine Gefahr für die Allgemeinheit dar. Was nun genau ein Raser ist, wurde noch nie festgeschrieben (ebensolches gilt für den Drängler), nur hat man ihm nun rasant den (Straßen-)Kampf angesagt. Mit Sonderaktionen wie zuletzt in NRW wird gegen die Schnellfahrer vorgegangen und auch noch der letzte Radar aktiviert. Trotz tagelanger Ankündigungen in den Medien gab es dann doch noch etliche Zeitgenossen, die ihre eigene Art der Geschwindigkeitsauslegung auslebten. Dieses Verhalten soll übrigens einer generellen Tendenz folgen, die zu fahrende Geschwindigkeit nach eigener (fachkundiger!) Einschätzung einzurichten und externe Vorgaben nur als zweitrangig anzusehen.

Bei dieser Diskussion hat sich nun, wie oben schon erwähnt, Verkehrsminister Ramsauer mit einem großen Wurf zu Wort gemeldet. Mit einer Radikalreform der zu vergebenen Punkte in Flensburg will man insbesondere dem Raser den Garaus machen.

In einer von Sudokus verseuchten Gesellschaft, in der der benötigte Zahlenraum kurzerhand auf Erstklässler-Niveau, soll heißen die Zahlen eins bis neun, eingedampft wurde, traute man dem ohnehin gestressten Autofahrer offensichtlich keine zweistelligen Zahlen mehr zu, ja man setzte sogar noch einen drauf und beseitigte die Neun. Dass hinter dem Ganzen im Kabinett der Bundesregierung ressortübergreifend eine Methode steckt, konnte man unlängst an dem während einer Finanzdebatte Sudoku spielenden Minister Schäuble sehen. Die Frage, die sich automatisch aufdrängt, ist, wer als nächstes die Zahl Acht angeht ...

Wie wenig man dem Autofahrer aber selbst in Bezug auf den so arg geschrumpften Zahlenraum zutraut, sah man an dem letzten Akt: Man färbte die Zahlen ein, so dass endlich ein dem Autofahrer vertrautes Objekt zum Vorschein kam: die Ampel. Das sollte jetzt wohl jeder verstehen. Allerdings frage ich mich, wieso der erzwungene Stillstand in Form von acht Miesen nicht rot, sondern schwarz daherkommt. Ist damit vielleicht der Totalausfall der Ampel symbolisiert? Oder ist das Feld nur für Schwarzseher (-fahrer?) gedacht? Man sollte die ganze Aktion, die ja sowieso erst 2013 das Licht der Straße erblicken soll, nicht zu sehr schwarz malen, hat doch der Minister jenseits von Sudoku ein neues Zahlenspiel erfunden, ja vielleicht sogar einen Beitrag zur Bildungsdebatte geliefert. Sofort nach Veröffentlichung der ersten Pläne wurde eifrig gerechnet, wie häufig man wie viel zu schnell fahren darf, ohne in die schwarze Zone zu geraten. Auch das endliche Verfallsdatum der nur noch mit ein (2,5 Jahre) oder zwei Punkten (fünf Jahre) geahndeten Vergehen spielt bei der Rechnerei eine wichtige, ja entscheidende Rolle.

Die momentan insgesamt gespeicherten 47 Mio. Punkte (pro PKW circa einer) werden sich aber wohl nicht in Nichts auflösen, da muss dann nochmals kräftig gerechnet werden.
Vielleicht sollte man aber auch einfach die Chance nutzen und Ideen aus dem Tierreich übernehmen. Ein in etwas abgewandelter Form aus der gerade überstandenen Karnevalszeit entlehnter Witz (sorry!) erzählt von einem Dalmatiner (schnell!), der in einer Tempo 30 Zone geblitzt und angehalten wird. Der Polizist fragt: „Sammeln Sie Punkte?“. Auch Marienkäfer tragen Punkte zur Schau. Da sollte der Autofahrer sich nicht lumpen lassen. Dem Minister wird da schon etwas einfallen.

 

Autor

Professor Michael Schreckenberg, geboren 1956 in Düsseldorf, studierte Theoretische Physik an der Universität zu Köln, an der er 1985 in Statistischer Physik promovierte. 1994 wechselte er zur Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für Physik von Transport und Verkehr erhielt. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet er an der Modellierung, Simulation und Optimierung von Transportsystemen in großen Netzwerken, besonders im Straßenverkehr, und dem Einfluss von menschlichem Verhalten darauf. Seine aktuellen Aktivitäten umfassen Online- Verkehrsprognosen für das Autobahnnetzwerk von Nordrhein-Westfalen, die Reaktion von Autofahrern auf Verkehrsinformationen und die Analyse von Menschenmengen bei Evakuierungen.

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