„Fuhrparks sind ein wichtiger Partner“
Exklusiv-Interview mit Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie e.V. (VDA)

PDF Download
Flottenmanagement: Herr Wissmann, die Treibstoff- Preise befinden sich auf einem Rekordhoch, da bleiben wir machtlos, die Pkw-Maut wird bereits deutlicher diskutiert, 2013 steht zudem eine neue Punkte-Regelung für die Flensburger Verkehrssünder-Kartei ins Haus, die die Fuhrparkmanager auch im Hinblick auf die Halter- Haftung wieder vor neue Herausforderungen stellen mag. Drängt sich Ihnen bisweilen nicht auch der Eindruck auf, dass es gegenwärtig beinahe eine Strafe sein muss, einen Kfz-Fuhrpark zu betreiben
Matthias Wissmann: Das Flottenmanagement ist eine der spannendsten Aufgaben in einem Unternehmen. Dabei geht es um hocheffiziente neue Fahrzeuge, die mit niedrigem Verbrauch das Budget entlasten. Zudem ist der Firmenwagen ein wesentlicher Motivationsfaktor, der engagierte Mitarbeiter an das Unternehmen bindet. Aber: Natürlich bereitet auch uns die Preisentwicklung an den Zapfsäulen einige Sorgen. Wir halten mit immer sparsameren Fahrzeugen dagegen: Die deutschen Konzernmarken haben inzwischen mehr als 400 Modelle mit 5 Liter auf 100 km oder weniger im Angebot. Der Verbrauch eines Modells der Oberen Mittelklasse hat sich binnen zehn Jahren in etwa halbiert – bei gleicher Motorleistung! Damit tragen wir zum Klimaschutz bei und schonen gleichzeitig den Geldbeutel des Autofahrers an der Zapfsäule.
Flottenmanager sind hier übrigens eine treibende Kraft – sie achten im Interesse ihrer Kunden auf Nachhaltigkeit und sorgen durch Modellwechsel dafür, dass die Effizienzfortschritte unserer Hersteller auch schnell auf der Straße ankommen. Eine Pkw-Maut lehnen wir ab. Die bisherigen Erfahrungen mit der Lkw-Maut zeigen, dass die Einnahmen nicht in den notwendigen Erhalt und Ausbau der Infrastruktur fließen, sondern im allgemeinen Staatshaushalt untergehen.
Flottenmanagement: Ist es denn nicht so, dass eine permanente Verteuerung des Autofahrens, des Individualverkehrs, klar jenseits der durchschnittlichen Preissteigerungsrate, eine der Konjunkturbremsen zumindest im Binnen-Markt ist; wie soll denn angesichts solcher Entwicklungen beispielsweise Kaufkraft nennenswert wachsen können
Matthias Wissmann: Einspruch! Der Neuwagenpreis ist seit Jahren nahezu konstant. Allerdings haben die Spritpreise deutlich angezogen – um jeweils 11 Prozent allein in den vergangenen beiden Jahren. Das hat dazu geführt, dass der Autokostenindex, der die Kostenbelastung des Autofahrers misst und sowohl den Kaufpreis des Neuwagens als auch dessen Unterhalt abbildet, im Jahr 2011 um mehr als 4 Prozent über Vorjahr lag. Wir halten dagegen – mit effizienten, neuen Modellen. Nicht zuletzt deshalb rechnen wir für 2012 mit einem stabilen Inlandsgeschäft auf Niveau des Vorjahres mit gut drei Millionen Neuzulassungen, bei einem weiter hohen Marktanteil deutscher Marken von gut 70 Prozent.

Aktuelles Magazin
Ausgabe 2/2012

Sonderausgabe Elektro
Das neue Jahresspecial Elektromobilität.
Flottenmanagement: Im Herbst letzten Jahres winkte die Polizei im Ruhrgebiet bei Verkehrskontrollen etliche Autofahrer heraus, deren Fahrzeug für eine auf zwei Meter begrenzte linke Fahrspur im Baustellenbereich zu breit war. Dabei stellte sich heraus, dass manchem Pkw- oder Transporter-Fahrer nicht bewusst war, dass sein Fahrzeug mit Außenspiegeln schon über zwei Meter misst. Nun wachsen erfahrungsgemäß die einzelnen Baureihen über die Modell-Zyklen in den Dimensionen; müsste jetzt die Mindest- Breite der Fahrspuren im Baustellen-Bereich auf 2,20 Meter ausgedehnt werden, oder plädieren Sie dafür, dass sich die Autoindustrie in den Konstruktionen beschränkt
Matthias Wissmann: Inzwischen haben Politik und zuständige Behörden in Nordrhein-Westfalen ja positiv reagiert, dort werden derzeit Erfahrungen mit breiteren Spuren im Bereich von Autobahn-Baustellen gesammelt. Das begrüßen wir. Darüber hinaus gibt es Pläne von Bund und Ländern, die entsprechenden Richtlinien bundesweit zu überarbeiten. Ich rechne hier mit einer weiteren Entspannung der Situation.
Flottenmanagement: Sie haben gerade den Genfer Autosalon besucht. Welche wesentlichen Eindrücke nehmen Sie von dort mit, welche Signale möchten Sie insbesondere in Richtung der Fuhrparkbetreiber geben, die gerade wieder einem deutlicheren Kostendruck ausgesetzt sind beziehungsweise in ein, zwei Jahren noch verstärkt ausgesetzt sein werden
Matthias Wissmann: Die Antwort der deutschen Automobilindustrie heißt: überzeugende, attraktive, effiziente neue Modelle bieten. Das wurde gerade auf dem Genfer Salon sichtbar. Auf den Ständen der deutschen Marken war es für mich beeindruckend zu sehen, wie beispielsweise Premium-Produkte unterhalb der Oberklasse Einzug halten. So ist Premium-Ausstattung zunehmend auch in der Kompaktklasse anzutreffen. Das betrifft etwa Assistenzsysteme in den Bereichen Sicherheit und Komfort, Internet- Kommunikation oder LED-Lichttechnik. Gleichzeitig definieren und besetzen die deutschen Hersteller neue Segmente wie das viertürige Coupé. Sie sind damit weltweit Vorreiter und machen Privatkunden wie auch Unternehmen und Flottenbetreibern attraktive Angebote.
Flottenmanagement: Die Bundesregierung hat einmal das anspruchsvolle Ziel formuliert, 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen sehen zu wollen. Wie beurteilen Sie seitens des VDA den gegenwärtigen Entwicklungsstand in diesem Marktsegment, denken Sie, dieses Ziel ist nach wie vor erreichbar
Matthias Wissmann: Wir hatten einen guten Start: Mit der Nationalen Plattform Elektromobilität vor rund zwei Jahren haben Politik und Industrie das „Projekt E-Auto“ gemeinsam angeschoben. Unsere Hersteller und Zulieferer investieren in den kommenden drei bis vier Jahren zehn bis zwölf Milliarden Euro in die Entwicklung alternativer Antriebe. Sie gehen damit enorm in Vorleistung, denn auch Ende dieses Jahrzehnts wird der Umsatzanteil von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben nur bei rund fünf Prozent liegen. Es gibt einen Monitoring-Prozess, mit dem die weiteren Fortschritte laufend überprüft werden. Wir gehen davon aus, dass die Bundesregierung zu ihren Zusagen steht und den Weg in die Elektromobilität flankiert, um das von ihr gesteckte Ziel zu erreichen.
Flottenmanagement: Wie müssten Ihrer Meinung nach die Rahmenbedingungen fortentwickelt werden, damit auch die Fuhrparkbetreiber als Zugpferde auf dem Elektrofahrzeug-Markt gewonnen werden können
Matthias Wissmann: Fuhrparks sind ein wichtiger Partner, wenn es darum geht, die Elektromobilität auf eine breitere Basis zu stellen – immerhin umfasst das gesamte Firmenwagensegment 32 Prozent und damit fast ein Drittel aller Neuzulassungen. Von den deutschen Herstellern gibt es bereits Modelle mit Hybrid- und Elektroantrieben, und in den kommenden Jahren werden wir weitere interessante Produkte in den Showrooms sehen. Mit einem intelligenten Maßnahmenmix schaffen wir jetzt die Voraussetzungen, damit Deutschland Leitmarkt für Elektromobilität werden kann. Dazu zählen der Aufbau von Pilotanlagen für die Herstellung von Batteriezellen sowie die Schaufenster-Regionen, in denen die Elektromobilität für die Bürger täglich sichtbar und erlebbar wird. Es werden aber auch staatliche Anreize notwendig sein, um die vor allem aufgrund der noch hohen Batteriepreise bestehende Betriebskosten-Lücke zu herkömmlichen Fahrzeugen zu schließen.
Flottenmanagement: Herr Wissmann, wenn Sie einmal den Blick vorauswerfen auf 2020, worin sehen Sie die größten Herausforderungen für den Automobilbau im Pkw- und Transporter-Bereich in den nächsten Jahren
Matthias Wissmann: Wir stehen weltweit vor großen Herausforderungen: Die Zahl der Millionenstädte wächst, Kraftstoffe werden teurer, die Anforderungen an Nachhaltigkeit und Sicherheit steigen. Diesen Herausforderungen stellen wir uns: In der Elektromobilität wollen wir Leitanbieter werden, und beim klassischen Verbrennungsmotor besteht allein in diesem Jahrzehnt noch ein weiteres Effizienzpotenzial von 20 Prozent. Mit modernen Fahrerassistenzsystemen wie Sprachsteuerung, Spurwechselwarner oder Bremsassistent machen wir das Autofahren immer sicherer und auch entspannter. Gleichzeitig wird der Pkw zur mobilen Kommunikationszentrale. Von diesen Entwicklungen profitiert auch das Flottengeschäft. Ich bin überzeugt: Das Auto, im vergangenen Jahr 125 Jahre alt geworden, hat seine große Zukunft erst noch vor sich!

Aktuelles Magazin
Ausgabe 2/2012

Sonderausgabe Elektro
Das neue Jahresspecial Elektromobilität.
Der nächste „Flotte!
Der Branchentreff" 2027

0 Kommentare
Zeichenbegrenzung: 0/2000