Dienstag, 22. Mai 2012  

Geisterfahrer: Plötzlich falsch unterwegs

"Kann mir nie passieren!" Wer von sich selbst denkt, nicht auf die falsche Spur geraten zu können, ist schon auf dem Weg dorthin. Verkehrspsychologen warnen davor, wie schnell man zum Geisterfahrer werden kann. Besonders gefährlich: ruhiger Verkehr. Es klingt unfassbar: Ein Mann lenkt sein Auto absichtlich in den Gegenverkehr, weil er Suizid begehen will. In Baden-Württemberg hat sich ein solcher Fall aber offenbar ereignet: Das Landesgericht Tübingen verurteilte einen 35-Jährigen wegen Mordes zu zwölf Jahren Haft - er sei absichtlich auf die falsche Fahrbahn gerast und habe sein Auto frontal in den entgegenkommenden Wagen gelenkt. Ein Familienvater war bei dem Unfall ums Leben gekommen. Solche Wahnsinnstaten sind selten, weiß der Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss. Die Gefahr einer Geisterfahrt lauert eher dort, wo niemand sie vermutet. "Es kann jeden treffen", sagt Voss. Besonders in scheinbar ruhigen Verkehrssituationen. Voss erzählt von einem Fall, der sich vor einigen Jahren in Rheinland-Pfalz ereignete. Dort befanden sich zwei Polizisten auf Nachtstreife. Als sie dachten, sich auf einer einsamen Landstraße verfahren zu haben, wendeten sie ihren Wagen. Das Manöver endete tödlich: tatsächlich befanden sie sich auf einer vierspurigen Bundesstraße, die geteilt war. Die Polizisten fuhren in falscher Richtung auf der Überholspur und prallten in ein anderes Fahrzeug. Für den Verkehrspsychologen sind hier alle Merkmale gegeben, die zu einer Geisterfahrt führen können: Es herrschte wenig Verkehr, es war dunkel - und die Polizisten waren der festen Überzeugung, auf der richtigen Spur zu fahren. "Mangelnde Orientierung in Verbindung mit einer ruhigen Verkehrslage führen zu den meisten Falschfahrten", sagt Voss. Es kann fast jeden treffen. Vorsicht bei freier Fahrt Mangelnde Orientierung sei auch mit einem Navigationssystem nicht immer auszugleichen. "Wir alle haben schon von den Fällen gehört, wo Leute sich auf ihr Navi verlassen haben und im Fluss gelandet sind", sagt Voss. Somit könne es auch vorkommen, die falsche Ausfahrt zu nehmen und auf einer Autobahn oder Bundesstraße in falsche Richtung zu fahren. Habe man sich trotz Navigationssystem verfahren, sei es im Zweifelsfall ratsamer, sich nach den Anweisungen der Navi-Durchsagen zu richten, anstatt während der Fahrt auf die Karte zu schauen, so der Psychologe. Voss' Hinweis an alle Verkehrsteilnehmer lautet, grundsätzlich aufmerksam zu fahren - gerade dann, wenn "freie Fahrt" herrsche. "Ist mehrere Kilometer lang nichts lauf der Straße los gewesen, heißt das nicht, dass es auf dem nächsten Kilometer genau so weiter geht." Eine Statistik des ADAC lässt erahnen, wie schnell es passieren kann, dass Fahrer auf die falsche Bahn geraten. Im Zeitraum von Dezember 2008 bis Dezember 2009 seien demnach 2800 Falschfahrer im Radio gemeldet worden. Bei den zwölf Unfällen, die dadurch verursacht worden seien, hätten insgesamt 20 Menschen ihr Leben verloren. Tipps zum richtigen Verhalten Wie soll man sich verhalten, wenn die Gefahr eines Geisterfahrers droht? Was soll man tun, wenn man selbst zum Falschfahrer geworden ist? Markus Niesczery, Pressesprecher der Autobahnpolizei Düsseldorf, gibt folgende Ratschäge: Befinde man sich auf einer Autobahn oder Bundesstraße, auf der ein Falschfahrer unterwegs ist, gelte es zunächst, drei Dinge zu tun: Tempo reduzieren, auf keinen Fall überholen - und ruhig bleiben. Bei der ersten Möglichkeit solle man die Straße verlassen oder auf einen Parkplatz fahren. Sei genug Platz am Straßenrand, könne man auch rechts ranfahren und warten, bis im Radio Entwarnung gegeben werde. Hat man einen Falschfahrer gesehen, sollte die nächste Notrufsäule abgewartet und dort die Meldung durchgegeben werden. Somit sei gewährleistet, dass die Polizei sofort den genauen Standort wisse. Bei Meldungen übers Handy seien diese Informationen meistens nicht gegeben. Habe man festgestellt, selbst zum Geisterfahrer geworden zu sein, müsse sofort das Tempo reduziert und der nächstgelegene Fahrbahnrand angesteuert werden. Auf keinen Fall dürfe die Fahrbahn gekreuzt oder gar gewendet werden. Steht das Auto, solle man die Warnblinker einschalten, sich hinter die Leitplanke stellen und die Polizei verständigen.






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