Zwischen Golf und Phaeton
16.11.2017

Der VW Arteon beerbt nicht zuletzt den Phaeton
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Zwischen all den vielen weniger guten Nachrichten über den VW-Konzern als solchen vergisst man leicht, dass dort immer noch tolle Autos gebaut werden. Der neue Arteon ist so eines. Enttäuscht sein könnte nur, wer vorab auf das Premium-Gerede der Marketing-Abteilung hereinfällt.

Haben Sie bei der Überschrift gestutzt? Wie kann der Autor nur behaupten, der neue VW Arteon sei auch nur irgendwie zwischen einem perfekten, aber schnöden Massenmobil wie dem Golf und einem quasi handgeschnitzten Luxusfahrzeug wie dem inzwischen leider eingestellten Phaeton anzusiedeln? Kann er, denn tatsächlich ist es durchaus okay, beide Fahrzeuge ins Spiel zu bringen. Fangen wir oben an: Der Arteon soll bei Volkswagen gleich zwei Modelle ersetzen. In erster Linie natürlich den Passat CC, jene schön gezeichnete Coupé-Mittelklasse, die für die Wolfsburger zwischen 2008 und 2016 zu einem überraschenden Erfolg wurde – und zu einem veritablen Problem für die normale Passat-Limousine. Aber nach VW-Vorstellungen soll der Arteon eben durchaus auch den einen oder anderen Phaeton-Fan bei der Marke halten, denn der Luxusliner wird ebenfalls seit letztem Jahr nicht mehr produziert.

Etwas weniger interessant ist der Blick nach unten. Denn man könnte den Arteon leicht auf folgende Formel bringen: Er ist technisch ein Golf, der optisch auf Edel-Passat macht. Eine 4,86 Meter lange Limousine, die mit dem Golf verwandt ist? Ja, tatsächlich beruht der Arteon genauso wie der ewige Bestseller auf dem Modularen Querbaukasten (MQB) des Konzerns. Mit allen Vor- und Nachteilen, wie wir noch sehen werden.

Aber zunächst mal zur Optik. Für einen Volkswagen muss man sagen: wow! Der Arteon sieht gut aus und fällt auf. Selten mussten wir zu einem Testwagen unterhalb von Luxus und Premium so viele Fragen neugieriger Passaten und Autofahrer beantworten. Die häufigste war wohl: Ist das wirklich ein VW?

Ist er, und zudem zehn Zentimeter länger als ein Passat und vor allem vier Zentimeter breiter. Darüber spannt sich ein kuppelförmiges Dach, das den Coupé-Charakter des Fünftürers unterstreicht. Passt, genauso wie die großen Räder, die rahmenlos geführten Seitenscheiben und der mächtige Kühlergrill. Und entlang der Gürtellinie zieht sich dann noch eine auffällige, hochwertig wirkenden Karosseriefalz. So groß der Wow-Effekt von außen, so wenig aufregend fällt dann allerdings die Inneninspektion aus. Was schlicht daran liegt, dass das Cockpit größtenteils dem des Passat gleicht. Immerhin gibt es viel Platz vorne wie hinten, wobei die abfallende Dachlinie im Fond den Raum für den Kopf mindestens mittelgroßer Menschen ganz schön einschränkt. Keine Probleme dürfte es dagegen mit Gepäck geben, 563 Liter passen in das riesige Abteil. Und wenn man nur zu zweit in den Urlaub fährt, packt der Arteon bei umgelegten Rücksitzen bis zu 1.550 Liter – das sind dann fast schon Kombi-Werte.

Außen edel, innen Passat und beim Fahren? Da ist der Arteon ein Golf im positiven Sinn. Der stärkste Diesel (ja, mit SCR-Kat) hat zwar nur zwei Liter Hubraum und vier Zylinder, wurde aber auch dank Biturbo-Unterstützung auf 240 PS hochgepowert. Allrad ist in dieser Konstellation Serie, was gemeinsam mit der sehr guten Progressiv- Lenkung zu einem absolut sicheren, sportlichen Fahrgefühl beiträgt. Wer es mit der Sportlichkeit nicht übertreibt, kann übrigens gute Verbrauchswerte erzielen. Bei uns waren es 7,2 Liter im Schnitt, bei teilweise durchaus forcierter Fahrt, nur 1,3 Liter über dem Normwert also. Echt Diesel. Hinzu kommen die typisch-guten VW-Sitze. Nicht wirklich überzeugen konnte uns dagegen das zum Ruckeln neigende Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe. Es sieht inzwischen im Vergleich zu den neuesten Wandlerautomaten in Sachen Komfort ein wenig alt aus. Das mag beim Golf nicht weiter stören, der Arteon will sich aber mit anderen Konkurrenten bis hin zu den Mitgliedern der deutschen Premium-Liga messen. Wenig wertig wirkt auch das Head-up-Display, das seine Informationen nur auf eine schnöde Plastikscheibe spiegelt und nicht direkt in die Windschutzscheibe. Geht wohl nicht anders, der MQB lässt grüßen.

So fällt das Fazit unserer Testwochen mit dem Arteon durchaus zwiespältig aus. Der „große Golf“ ist sehr gut gemacht, ebenso gut verarbeitet und lässt beim Fahren nur wenige Wünsche offen. Aber er ist eben nicht wirklich premium. Dazu mangelt es an Dingen wie einem „echten“ Head-up-Display, einer komfortableren Automatik und einem weniger langweiligen Allerwelts-Interieur. Wer also tatsächlich nach Ersatz für seinen in die Jahre kommenden Phaeton sucht, wird eher enttäuscht sein. Wer vom Golf kommend zum Arteon aufsteigt, wird sich für das Design begeistern und  das Raumgefühl genießen. Und der Passat-Fahrer? Der wird den Unterschied vor allem dann merken, wenn er außen vor seinem neuen Arteon steht.


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