Einer für alle?
05.01.2018

Während der Fahrt ein gutes Buch lesen, keine Parkplatzsuche am Zielort, umweltfreundlicher Unterwegs sein und stressfrei ankommen, das sind einige der Vorteile des autonomen Fahrens, wenn man den Befürwortern Glauben schenken mag. Eigentlich kann man diese Vorzüge teilweise schon heute beim Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in jeder Großstadt Deutschlands erleben. Dennoch sind Bus und Bahn nicht für jedermann die bessere Alternative zum Pkw in der Stadt und das ist auch gut so. Flottenmanagement erklärt warum das so ist und hat sich verschiedene Studien zu diesem Thema angeschaut.

Stolze 72 Prozent der Deutschen seien mit dem Angebot und dem Service des ÖPNVs ihrer Heimatstadt zufrieden, glaubt man den 2.069 Umfrageteilnehmer einer von Splendid-Research durchgeführten Studie (Siehe Bild). Überdurchschnittlich viele zufriedene Nahverkehrskunden gibt es demnach in Hamburg (82 Prozent), Berlin (79 Prozent) und München (75 Prozent). Schlechter bewerten die Bewohner in Dortmund (67 Prozent) und Essen (60 Prozent) das Angebot der Verkehrsgesellschaften, aber immer noch deutlich mehr als die Hälfte der Befragten sind mit den Leistungen der Verkehrsbetriebe zufrieden. Das Problem dieser Studienergebnisse ist, dass sie nur die Meinung von Fahrgästen widerspiegelt. Die Ansichten von passionierten Autofahrern kommen hier nicht zur Geltung. Doch vielleicht gibt es ja über eine etwaige Passion für das Autofahren hinaus noch Gründe, die diese Personengruppe davon abhält die Straßenbahn anstatt den Pkw zu nutzen?

Genau nach diesen Hindernisgründen für einen Umstieg vom Pkw auf den ÖPNV fragt eine ADAC-Studie von 2017. In zehn deutschen Großstädten wurden rund 7.000 Teilnehmer nach dem von ihnen präferierten Verkehrsmittel gefragt. 43 Prozent der Befragten gaben an den ÖPNV gar nicht oder nur sehr selten zu nutzen. Das Auto ist also nach wie vor das beliebteste Verkehrsmittel in Deutschland. Diese Gruppe von etwa 3.100 Umfrageteilnehmern, die Bus und Bahn bislang meiden, wurde dann wiederrum nach den Gründen für ihre Ablehnung des ÖPNVs befragt. 

Die Liste der Hindernisse für einen Umstieg auf den ÖPNV ist lang. Am häufigsten gaben die Umfrageteilnehmer an, lieber mit dem Auto zu fahren (65 Prozent). Eine Präferenz, die sich sicherlich aus mehreren Faktoren zusammensetzt und nur wenige Ansatzpunkte für Veränderungen im städtischen Verkehrssystem bietet. Da ist die zweithäufigste Angabe der ÖPNV-Verweigerer schon aufschlussreicher: Insgesamt sei das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu teuer und die Ticketpreise zu hoch. 62 Prozent sehen das so. Darüber hinaus spielt auch die Zeit eine Rolle, die Fahrten dauern den meisten ÖPNV-Gegnern einfach zu lange (56 Prozent). Gründe dafür liegen sicher in der Unpünktlichkeit der Buse und Bahnen (45 Prozent gaben dies an) sowie dem häufigen Umsteigen, weil es keine direkte Verbindung gibt (47 Prozent). Neben den wohl gewichtigsten Hindernisgründen, Zeit und Geld, sind andere auch mit dem Komfort nicht zufrieden. Zu Unbequem (44 Prozent), zu viele Menschen auf engem Raum (51 Prozent) oder ungeeignet Sachen zu transportieren (60 Prozent) gaben Teile der 3.100 Befragten an.

Dennoch ist der ÖPNV noch nicht am Ende, im Gegenteil: Die Fahrgastzahlen steigen an und immerhin 46 Prozent der Befragten, die öffentliche Verkehrsmittel bislang meiden, würden auf diese Umsteigen. Vorausgesetzt natürlich es ändert sich etwas am Angebot des Nahverkehrs. Dazu müsste der ÖPNV insgesamt günstiger werden, wie 73 Prozent der Umfrageteilnehmer angaben. Die Kosten sind also mit Abstand der größte Hemmschuh des ÖPNV. Zwar schneidet der ÖPNV bei den Realkosten, beispielsweise für eine Monatskarte, deutlich besser ab als die TCO bei einem Pkw aber nur die wenigsten würden den eigenen Pkw gänzlich gegen eine Monatskarte eintauschen. Die Folge: Man zahlt doppelt. 41 Prozent waren Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit wichtig. Mobilität ist eben vor allem vom Zeit- und Geldaufwand geprägt, das macht die ADAC-Studie deutlich. Dazu passen auch die mehr als 35 Prozent ÖPNV-Gegner, die sich für mehr Direktverbindungen, kürzere Fahrzeiten und einem kürzeren Takt aussprechen. Mehr als ein Drittel der Befragten (37 Prozent) wünschen sich darüber hinaus ein besseres Ticketsortiment für individuelle Bedürfnisse. Doch selbst bei einer erheblichen Leistungsverbesserung des ÖPNV würde immer noch jeder Fünfte Umfrageteilnehmer nicht vom Auto auf Bus oder Bahn umsteigen. Dies bringt die Macher der ADAC-Studie zu dem Fazit: „Der ÖPNV steht für eine sinnvolle Nutzung der Fahrzeit, geringe Unfallträchtigkeit und wenig körperliche Anstrengung. Aber: Er trifft nicht ihr Lebensgefühl und kann in punkto Spaß, Freiraum, Komfort, Preisen und Fitness nicht punkten.“

Aber ein Umstieg der gesamten Gesellschaft auf den ÖPNV ist auch nicht nötig oder gar erwünscht. Denn es gibt nicht die eine Lösung die für alle passend ist. In Städten geht es zunächst einmal um die Verteilung von Fläche. Wenn jeder mit einem Pkw in der Stadt unterwegs wäre, würde ein großer Teil dieser Fläche für Parkplätze und breite Straßen verwendet werden müssen. Dies ist in Großstädten nicht möglich, schlicht weil der Platz nicht da ist und ein Interessenskonflikt zu Lebensqualität der Stadtbewohner besteht (Luftverschmutzung, Grünflächen etc.). Die Folge, die wir in vielen Städten derzeit erleben, ist das der Straßenverkehr überlastet ist, Stau entsteht sowie eine Parkplatznot herrscht. Ein gut funktionierender ÖPNV hingegen sorgt dafür, dass eine erhebliche Zahl an Menschen auf diesen umsteigen würde und die vorhandenen Straßen für den Individualverkehr wiederum leerer wären. Daher bringt es auch deutlich mehr von staatlicher Seite in den ÖPNV zu investieren als einseitig in den Pkw-Verkehr, weil so alle Seiten voneinander profitieren würden. Für die Stadt der Zukunft geht es überdies vor allem darum verschiedene Konzepte miteinander zu verbinden. Fußgänger, Radfahrer, ÖPNV und Pkw müssen nebeneinander existieren können und im Idealfall miteinander verknüpft werden.


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