Bye, Bye Britannia
30.01.2018

Die mit Helm, Schild und Dreizack bewaffnete Frau Britannia, das Symbol für Großbritannien, verlässt die Europäische Union. Darunter leidet nicht nur die europäische Einheit, auch die gesamte deutsche Autoindustrie könnte einen nicht unerheblichen Schaden nehmen.

Im Juni 2016 war es soweit: Die Briten entschieden sich mehrheitlich für einen Austritt aus der EU. Eine emotional geführte Debatte im Vorfeld hatte das Referendum zu Gunsten der EU-Gegner entschieden. An mögliche Folgen für die Wirtschaft Großbritanniens und ganz Europas dürften die Wenigsten dabei gedacht haben. Das zeigten auch die Proteste von Teilen der britischen Bevölkerung nachdem das Wahlergebnis bekannt geworden war. Mittlerweile hat das Jahr 2018 begonnen und die Briten verhandeln in Brüssel immer noch die Konditionen für den Austritt. Sowohl die britische Regierung um Premierministerin Theresa May als auch die Unterhändler der Europäischen Union betonen das jeweils Beste aus den Verhandlungen herauszuholen. Eine Einigung ist in vielen Punkten noch nicht gefunden. Doch die Zeit drängt, denn die Verhandlungen sollten idealerweise im Herbst 2018 abgeschlossen sein, damit das Austrittsabkommen noch rechtzeitig vor dem 29. März 2019 vom Rat nach Zustimmung des Europäischen Parlaments abgeschlossen und vom Vereinigten Königreich nach dessen eigenen Verfahren verabschiedet werden kann. Nach heutigem Stand muss sich die Wirtschaft und allen voran die deutsche Automobilbranche auf verschiedene Szenarien des Austritts vorbereiten. Ein sogenannter harter Brexit stellt dabei das folgenreichste Szenario dar. 

Harter oder weicher Brexit?

Immer wieder ist in der Zeit nach dem Referendum von einem „harten“ Ausscheiden oder einem harten Brexit die Rede. Verwendet wird er vor allem von politischen Hardlinern die eine No-Deal-Politik beim Brexit befürworten. Doch was bedeutet dieser Begriff? Gibt es einen weichen Brexit und mit welchen Folgen hat die Wirtschaft des Exportweltmeisters Deutschland zu rechnen?

Ein harter oder manchmal auch sauberer Brexit würde einen klaren Bruch mit Brüssel bedeuten. Das Verhältnis zwischen der britischen Insel und den übrigen 27 EU-Staaten wäre dann beispielsweise vergleichbar mit der momentanen Beziehung der EU zu Kanada. Aus wirtschaftlicher Sicht wäre daher auch ein Freihandelsabkommen nötig, um die Last der Zölle für den Export von Waren und Gütern zu mindern. Laut verschiedenen Experten könnte das Aushandeln eines solchen Freihandelsabkommens bis zu zehn Jahre in Anspruch nehmen.

Wenn von einem weichen Brexit die Rede ist, dann wird damit eine Staatenbeziehung wie sie zum Beispiel zwischen Norwegen und der EU besteht, gemeint. Die Skandinavier sind zwar kein EU-Mitglied, haben aber vollen Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Im Gegenzug müssen die Norweger aber beispielsweise zum EU-Haushalt beitragen. In diesem Falle würde sich nicht allzu viel für die Automobilbranche ändern.

Die Folgen
Kommt es zu einem harten Ausscheiden der Briten aus der Europäischen Union, dann würde dies erhebliche Einschnitte sowohl bei den Autoherstellern als auch bei den Zulieferern zur Folge haben. Das Beratungsunternehmen Deloitte hat sich mit der Frage beschäftigt welche Konsequenzen ein harter Brexit für deutsche Hersteller und Zulieferer hätte. Dazu sind in einer Reihe von Studien, den sogenannten Brexit-Briefings, zwei Briefings entstanden die das angesprochene Thema behandeln. Diese Studien machen eines deutlich: Es ist bei einem harten Ausstieg der Briten nicht nur mit Umsatzeinbußen zu rechnen, sondern auch mit einem Abbau von Arbeitsplätzen.

Dazu muss man zunächst einmal wissen, dass Großbritannien ein sehr wichtiger Absatzmarkt für die Autoindustrie darstellt. Jeder fünfte Neuwagenexport aus Deutschland geht an das Vereinigte Königreich (Deliotte). Insgesamt ist jede dritte Neuzulassung in Großbritannien ein deutscher Export. Angesichts dieser Bedeutung des britischen Marktes für die Autoindustrie wird schnell offensichtlich was ein harter Brexit bedeuten würde. Die Experten von Deloitte vergleichen die möglichen Folgen mit denen der Finanzkrise von 2008/2009.

Im Detail würde der harte Austritt der Briten zu einer kulminierten Kostensteigerung von rund 1,9 Milliarden Euro führen, so die Deloitte-Studie. Diese 15-prozentige Steigerung würde durch die Zölle und eine Abwertung des Pfunds zustande kommen. Wenn man nun annimmt, dass die Mehrkosten für den Export von deutschen Automobilen an die britischen Kunden eins zu eins weitergegeben würden, dann stiege der Preis eines Autos durchschnittlich um 3.700 Euro, wenn das Fahrzeug in Deutschland produziert worden ist sogar um 5.600 Euro.

Eine solche Preissteigerung hätte natürlich einen Absatzrückgang zur Folge. Mit Blick auf das britische Konsumverhalten der letzten Jahre beziffern die Experten von Deloitte diesen Rückgang auf 550.000 Einheiten sprich einem Minus von 19 Prozent. Die deutschen Exportautos wären sogar mit einem Rückgang von 32 Prozent betroffen. Daraus resultiere dann ein Umsatzeinbruch um 6,7 Milliarden Euro. Ein solcher finanzieller Verlust könnte so die Studie weiter rund 18.000 Arbeitsplätze in der deutschen Automobilindustrie unmittelbar gefährden.

Natürlich gäbe es nicht nur Verlierer bei einem radikalen Ausstieg. So würden laut der Prognose der genannten Studie die Fahrzeughersteller aus Großbritannien und dem Rest der Welt profitieren und ihren Absatz steigern können. Allerdings füllen die außereuropäischen Hersteller nicht einfach die Lücke, welche von den europäischen Automobilkonzernen gerissen wird. Ein harter Brexit hätte zur Folge, dass insgesamt etwa 550.000 Autos in Großbritannien weniger verkauft würden als dies ohne den EU-Ausstieg der Fall wäre.

Es sind jedoch nicht nur die deutschen Autohersteller die auf der britischen Insel einen großen Absatzmarkt gefunden haben, auch die deutschen Zuliefererbetriebe sind dort stark vertreten. Deutschland ist der größte Exporteur von Fahrzeugteilen in das Vereinigte Königreich. Jede fünfte in einem britischen Fahrzeug verbaute Komponente stammt demnach aus Deutschland. An den Zahlen ist bereits abzusehen, dass „harter“ Brexit auch für die Zulieferer schwerwiegende Folgen hätte. Etwa 3,8 Milliarden Euro Umsatzeinbußen hätten die deutschen Zulieferer-Unternehmen durch den Brexit zu befürchten. Darüber hinaus wären in Deutschland etwa 14.000 Arbeitsplätze gefährdet. 

Die nächste Krise?

Die Folgen eines harten Brexit wären immens, doch wird es überhaupt soweit kommen? Was hat die deutsche Automobilindustrie tatsächlich zu befürchten? Kommt nach dem Abgasskandal nun die Brexit-Krise? Vermutlich nicht. Der Chefunterhändler der EU-Kommission, Michel Barnier, sagte anlässlich der Berliner Sicherheitskonferenz im November 2017: „Der Brexit ist kein Anlass für Schadenfreude. Es gibt keine Rache oder Strafe in dem Auftrag, den wir erfüllen.“ Mit anderen Worten die Forderung nach einem „harten“ Brexit, um damit den Briten einen größtmöglichen Schaden zuzufügen, ist nicht Ziel der Interessen beider Verhandlungspartner. Bereits einen Monat nach der Rede von Barnier konnten wichtige Fortschritte verkündet werden. So erklärte Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker Ende 2017: „Die Verhandlungen sind nicht einfach, aber uns ist jetzt ein erster Durchbruch gelungen. Ich sehe mit Genugtuung, dass wir einen fairen Deal mit dem Vereinigten Königreich erzielt haben. Wenn sich die 27 Mitgliedstaaten unserer Bewertung anschließen, ist der Weg frei, damit die Europäische Kommission und unser Chefunterhändler Michel Barnier sofort die zweite Phase der Verhandlungen in Angriff nehmen können. Da das Europäische Parlament den abschließenden Austrittsvertrag ratifizieren muss, werde ich das Europäische Parlament weiterhin sehr eng in den gesamten Prozess einbinden.“

In der „zweiten Phase“ der Verhandlungen, die der Kommissionspräsident erwähnt, ist die Aushandlung eines Freihandelsabkommens zwischen Großbritannien und der EU geplant. Bislang mussten die Rechte der EU-Bürger in Großbritannien, die Rechte der Briten in der EU, die Zahlungsverpflichtungen der Briten gegenüber der EU oder die Fragen bezüglich der irischen Grenze zu Großbritannien geklärt werden. Die Unterhändler zeigten sich nach dem erfolgreichen Abschluss der ersten Verhandlungsphase zuversichtlich auch die zweite und letzte Phase positiv gestalten zu können. Ein harter Brexit ist demnach als nur noch bei einem Scheitern der zweiten Phase oder dem nichteinhalten des bereits Eingangs erwähnten Stichtages zu erwarten.  Wie genau die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den 27 EU-Staaten und Großbritannien nach dem Austritt aussehen werden ist freilich noch offen. Daher bleibt die Betrachtung der Brexit-Verhandlungen auch aus Sicht der Automobilindustrie spannend.


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