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Alltagstaugliche Krawallschachtel

0 2018-05-17 315

Das Kürzel GTI ist ein Versprechen dem der VW Polo jetzt mit einer 200 PS-Motorisierung nachkommt. Dabei ist der Kleinwagen durchaus alltagstauglich.

Nachdem die sechste Generation des VW Polo Ende September 2017 erst mit kleinwagentypischen Motoren in der Leistungsspanne zwischen 65 PS und 115 PS auf den Markt kam, ergänzte die Rennsemmel GTI zum Jahreswechsel das Angebot. 200 PS drückt der kleine Bolide auf die Vorderachse und reiht sich damit in Liga der hochmotorisierten Kleinwagen wie Opel Corsa OPC, Mini Cooper S, Peugeot 208 GTi, Renault Clio R.S. oder Ford Fiesta ST ein. Also ein weiterer kleiner Krawallbruder?
 
Auf den ersten Blick ist der Polo GTI nicht auf Krawall gebürstet beziehungsweise gestanzt. Wer ein mit Insignien wie großen Heckspoiler oder martialisch wirkenden Anbauteilen aufgemotztes Fahrzeug sucht, wird enttäuscht sein. Der Wolfsburger fährt eher dezent vor. Man muss schon zweimal schauen, um die klassischen GTI-Wabengitter in den Luftöffnungen oder die eigenständigen Stoßfänger zu registrieren. Natürlich deuten die gut sichtbaren roten Bremssättel, ein Dachkantenspoiler sowie das obligatorische Doppelauspuffendrohr darauf hin, dass hier kein Nullachtfünfzehn-Kleinwagen auf seinen Fahrer wartet. Als kleine Nachhilfe zur besseren Einordnung der optischen Attribute fungiert der GTI-Schriftzug am Heck.
 
Nachhilfe ist aber nicht mehr nötig sobald der Motor gestartet wurde. Schluss mit Zurückhaltung, kraftvolles Selbstbewusstsein macht sich laut bemerkbar. Schon beim dezenten Antippen des Gaspedals dringt satter Sound aus dem Auspufftopf ziemlich unvermittelt ins Fahrzeuginnere. So soll es sein. Passanten schauen dann schon einmal irritiert. Und das ist erst die Übung zum Warmwerden.
 
Statt des bisherigen 1,8-Liter-Triebwerks mit 141 kW/192 PS haben die Ingenieure dem Kraftzwerg den Zweiliter-Direkteinspritzer aus dem großen Bruder Golf GTI implantiert. 147 kW/200 PS wollen beim Polo mobilisiert werden. Der Standardspurt gelingt in 6,7 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit ist bei 237 km/h erreicht und maximal 320 Newtonmeter stehen zum Abruf bereit. Doch es geht nicht (nur) um Geschwindigkeit auf der Autobahn. Landstraßen, kurvenreiche Nebenstrecken oder Leistung satt zum Überholen machen den fahrerischen Reiz aus.
 
So darf der Kleine zeigen, was er außerorts auf freier Strecke kann. Enge Kurven zum Bespiel inklusive Lastwechsel, Bremsen und Beschleunigen sind sein Ding. Er ist nicht aus der Ruhe zu bringen. Die elektromechanische Lenkung setzt die Lenkbefehle direkt um. Dank aufwändiger Technik wie zum Beispiel die serienmäßige Differenzialsperre, die das Traktionsverhalten in schnell gefahrenen Kurven unterstützt, kann der halbwegs vernünftige Fahrer nicht viel falsch machen. Rein in die Kurve und mit Schmackes wieder raus. Das Sechsgang-DSG schaltet derweil direkt und ohne Verzögerungen die Gänge hoch und runter. Ist der Sportmodus aktiviert gelingt dieser Vorgang noch schneller.
 
Apropos Sportmodus: Dies ist Teil des aufpreispflichten Sport Select Fahrwerks (290 Euro). Hier lassen sich die Modi Normal, Sport, Eco und Individual anwählen. Der Fahrer kann zum Beispiel über die schaltbaren Dämpfer die Dämpfungskennlinie variieren, die Lenkung direkter oder etwas weniger direkt reagieren lassend oder die Getriebesteuerung agiler einstellen. Bei Sport machen nicht nur die geschärften Reaktionszeiten Spaß. Der kleine Sportler kann dann sogar ein wenig giftig werden. Dieser Modus eignet sich auch prima für Überholvorgänge, zudem sorgt der getunte Motorsound für Freude. Da knurrt und kreischt es als ob ein Großer auf der Straße unterwegs wäre. Und das Schöne: Sobald sich ein Ortsschild nähert, schaltet man auf Eco oder Normal, der Krachmacher ist ausgeschaltet beziehungsweise ruhiggestellt und man fährt brav wie die Unschuld vom Lande durch die Gassen. Nur das Grinsen im Gesicht spricht gegen die Unschuldsmine.
 
Je nach Einsatz nimmt sich der kleine Sportler mehr oder weniger aus dem Tank. Mit gelassener Fahrweise und Eco-Einstellung sind Verbräuche um 7 Liter möglich (Normverbrauch: 5,9 Liter); lässt man den Spiel- und Sporttrieb freien Lauf, sind auch 10 Liter realistisch. Durchschnittlich flossen bei einem Mix der beiden Fortbewegungsarten 7,8 Liter durch die Leitungen. Für ein 200 PS-Fahrzeug gar kein schlechter Wert.
 
Gar nicht übel gestaltet sich auch der Alltagsnutzen des vier Meter langen Sport-Polo. Natürlich werden hier die GTI-Traditionen gepflegt, das heißt, es dominieren die Farben Rot und Schwarz unter anderem fürs Armaturenbrett, für die Kontrastnähte am Lenkrad oder an der Schalthebelverkleidung. Und natürlich gibt es das legendäre Karomuster für die Sitzpolster. Fahrer und Beifahrer kommen in den Genuss von Sportsitzen. Wie auch die anderen Polo-Versionen überzeugt der GTI, der ebenfalls ausschließlich als Fünftürer erhältlich ist, durch sein gutes Platzangebot und sein übersichtliches und einfach zu bedienendes Infotainmentsystem. Preislich startet er ab einem vergleichsweise günstigen Preis von 23.950 Euro. Darin enthalten ist bereits eine ordentliche Ausstattung. Ein bisschen Kleingeld sollte man noch für ein paar Extras übrighaben. Neben einer Rückfahrkamera und Assistenten unter anderem zur automatischen Distanzwahrung zum Vordermann, kosten noch 18 Zöller, Klimaautomatik oder das „Active Info Display“. Letzteres wartet mit GTI-spezifischer Grafik auf und für die verschiedenen Fahrmodi hält es spezielle Display-Ansichten bereit. Ganz wichtig: Man kann den digitalen Tacho groß ins Bild rücken. Man will ja schließlich auch in Flensburg die Unschuld vom Lande bleiben.

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