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Der Stoff aus dem die Schäume sind

0 2017-12-05 170

Knapp ein Fünftel des Autos besteht schon heute aus Kunststoff, aus Polyurethan-Schaum lässt sich vom Armaturenbrett bis zum Karosserieteil so einiges fertigen. Und kommen die E-Autos endlich in Fahrt, hoffen Kunststoff-Hersteller auf noch bessere Absatzchancen.

Wissen Sie, aus was Ihr Auto besteht? Genau: Viel Stahl, ein bisschen Alu, innen ein wenig Stoff, Leder – und natürlich Kunststoff. Letzterer hat sich sogar ziemlich weit ausgebreitet, gut 18 Prozent eines Autos bestehen mittlerweile aus dem leichtem Baumaterial: Das Scheinwerferglas? Aus Kunststoff. Die Schalter, Tasten und Hebel? Aus Kunststoff. Kombiinstrument, Infotainment-Display, Lenkrad, Armaturenbrett, Sitzpolster, Lacke, LED-Lichter, und sogar manchmal das Leder bestehen aus dem, was wir umgangssprachlich Plastik nennen, und mittlerweile werden selbst ganze Karosserieteile aus Kunststoff gefertigt.

Den Löwenanteil nimmt dabei aktuell noch Polyurethan (PU) ein, ein künstlich hergestellter Schaum, den die meisten zu Hause auch in ihrem Schlafzimmer haben: Die klassische Kaltschaummatratze ist aus Polyurethan. Der Vorteil dieses von Otto Bayer vor rund 80 Jahren entwickelten Werkstoffs: Er ist leicht, und er lässt sich in unterschiedlichster Gestalt fertigen. Das heißt, je nach Zusammensetzung des Ausgangsmaterials wird der Schaum butterweich, wie zuhause im Bett, oder hart wie altes Brot. Im kleinen Stil könnte man diese Mischung theoretisch sogar in der eigenen Küche herstellen, im großen Stil dagegen überlässt man es besser den Profis. Einer der führenden auf diesem Gebiet ist Covestro. Eine gute Autostunde außerhalb von Shanghai produziert die ehemalige Bayer-Tochter seit 2001 unter anderem den Stoff, aus dem die Schäume sind – und zwar rund 750.000 Tonnen pro Jahr. Damit macht die PU-Produktion immerhin knapp 30 Prozent des Covestro-Geschäftes aus.   

Gut ein Fünftel der Kunden kommt aus der Automotive-Industrie, allerdings verkauft Covestro die begehrte Fertigmischung nur selten direkt an die Autobauer. Vielmehr sind es die klassischen Zulieferer wie Dräxlmaier, Faurecia oder Brose, die einkaufen und die Grundsubstanz – Chemiker mögen den simplen Vergleich verzeihen – dann ähnlich wie die Schlagsahne in einem Siphon, aufschäumen und zu weichen Armaturenbrettern, feinem Gestühl oder hübschen Zierblenden verarbeiten. Sogar Autolacke lassen sich aus PU herstellen, und die können sich dank ihrer Schaumstoff-artigen Struktur selbst reparieren: Kleine Kratzer und Steinschläge verschwinden binnen einiger Tage wieder. Einzige Voraussetzung: Es muss warm sein, damit das Material seine Wirkung entfalten kann.   

Der zweitwichtigste Kunststoff im Auto, neben Polyurethan, ist Polycarbonat (PC), ein wenige Millimeter großes Granulat, das sich eingeschmolzen unter anderem hervorragend eignet, um Kunststoffgläser zu fertigen. Die leisten aktuell bereits als Scheinwerferabdeckung oder Schiebedach gute Dienste. Verglichen mit Acryl, im Volksmund auch Plexiglas genannt, ist Polycarbonat deutlich hochwertiger und vor allem widerstandsfester. Bewahrheiten sich Covestros Vorhersagen, dürfte der PC-Einsatz im Auto künftig stark ansteigen. Vor allem mit Blick auf die Elektromobilität gewinnen leichte Materialien immer mehr an Bedeutung und es soll nur noch eine Frage der Zeit sein, bis beispielsweise auch Fensterscheiben aus Kunststoff gefertigt werden; und auch die Gehäuse für die Akkus dürften zukünftig aus Polycarbonat hergestellt werden. Über kurz oder lang spekulieren die Leverkusener auf eine Vervierfachung des PU/PC-Anteils an einem Fahrzeug – von aktuell rund fünf Kilogramm auf dann 20 oder mehr. Vor allem mit Blick auf E-Autos spielt Covestro noch eine weitere Eigenschaft des Kunststoffs in die Karten: PU und PC isolieren viel besser als beispielsweise Stahlbleche und sind damit bei den Stromern, die nicht die Restwärme des Motors zum Heizen nutzen können, eine willkommene Alternative.   

Dass vor allem in Elektro-Autos zukünftig mehr Kunststoff verwendet wird, bedeutet allerdings nicht, dass sich die Stahlbranche auf dem absteigenden Ast fühlt. Er kürzlich gab ThyssenKrupp bekannt, dass es „ohne Stahl keine Elektromobilität“ gäbe. In den kommenden 30 Jahren erwartet die Stahl-Branche ein Orderplus von rund 25 Prozent allein durch die europäische Autoindustrie. Ein Teil davon wird für Akkus und Elektromotoren benötigt, das Gros allerdings wird zu neuen, hochfesten Leichtbaublechen für die Karosserien verarbeitet. Vor allem auf diesem Gebiet dürften sich Kunststoff- und Stahlindustrie in Zukunft als einen spannenden Wettbewerb liefern.

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