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Quo vadis, Automobil?
Professor Dr. Michael Schreckenberg

Ungezügelte Automotionen

Alle am automobilen Verkehr Beteiligten erleben momentan (und wahrscheinlich noch eine ganze Weile!) eine Bergund Talfahrt der Emotionen. Aufgrund der rasanten, ja täglich sich ändernden, oder besser sich „erneuernden“, Situationen, Ankündigungen und am Ende Maßnahmen ist man tatsächlich nicht mehr in der Lage, den Überblick auch nur in Ansätzen zu behalten und überhaupt mental oder zumindest beobachtend folgen zu können.

In der augenblicklichen Gemengelage der Player in diesem „Spiel“ ist es auch gar nicht möglich, die Lage vernünftig einzuschätzen. In unserer mittlerweile von Informationsquellen überfluteten Gesellschaft versucht sich jeder, so gut er kann, über Wasser zu halten. Doch selbst die besten medialen „Schwimmkünste“ helfen da häufig wenig, fast tsunamiartig überrollen uns die Meldungen.

Dabei reden heute in der Wissenschaft alle von „Big Data“ oder „Data Science“, einhergehend mit der Digitalisierung von allem und jedem. Arbeitsplätze, Studieren, ja auch Kochen und Sport sind davon betroffen. Natürlich auch der Verkehr. Nur womit die Wissenschaft sich dabei beschäftigt, ist bei den Menschen (natürlich) noch nicht wirklich angekommen. „Data Mining“ ist das Schlagwort schlechthin und überhaupt werden ja Daten als das Erdöl der Zukunft bezeichnet.

Aber was kommt bei den Menschen an? Unbehagen? Misstrauen? Ablehnung? Hier entwickelt sich etwas, dessen Umrisse noch weitgehend unscharf sind. Bei so viel Daten im Überfluss kann es leicht zu „Verschluckungseffekten“ bei den Betroffenen kommen. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Schon Gerd Gigerenzer, der Direktor emeritus des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, schrieb zusammen mit Peter M. Todd und der ABC Research Group das bekannte Werk „Simple Heuristics That Make Us Smart“, in dem die Bedeutung von Bauchentscheidungen dargelegt wurde. Wird man mit zu vielen Informationen gefüttert (sagen wir mal mehr als drei, Beispiel drei unterschiedliche Navigationsgeräte, nutze ich häufiger), schaltet der Mensch einen Gang herunter (im übertragenen Sinne!) und macht eigentlich das, was er immer macht. Er folgt seiner Intuition, die kann man lernen oder einstudieren (im Gegensatz zum Instinkt, der fest verankert ist).

Von Gigerenzer stammt auch die Aussage, man brauche als Fußgänger vor dem Überqueren einer Straße rund eine Stunde Nachdenkzeit, um alle Eventualitäten und Risiken abschätzen zu können. Doch leider hat sich in dieser Stunde (normalerweise!) einiges getan und die Situation ist leicht verändert …

Abhilfe würde dabei der Zauberbumerang aus der gleichnamigen australischen Fernsehserie aus den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts schaffen. Dabei hatte der kleine Tom Thumbleton einen alten (indianischen) Bumerang gefunden, der während er in der Luft ist, alles stillstehen lässt bis auf den Werfer, der kann sich frei bewegen und alles verändern.

Eine interessante Idee, die beispielsweise Ampeln überflüssig machen würde, einfach Bumerang werfen und rübergehen. Nur was passieren würde, wenn alle so einen tollen Bumerang hätten, wurde in der Serie nicht aufgelöst. Auch der Wirkungskreis wurde nicht genauer beschrieben. Aber für Stadtverwaltungen eine super Möglichkeit, bei Überschreiten von Schadstoffmesswerten durch ständiges Werfen von Bumerangs bis zur Entspannung für Stillstand zu sorgen. Allerdings: Passiert das mit dem Stillstand nicht sowieso schon …?

Die Sache mit dem Bauchgefühl geht ja noch viel tiefer. Entzündet sich einmal eine Idee, so generiert sie, auch aufgrund unserer weitreichenden Vernetzung, schnell mal einen Flächenbrand. Das betrifft dann bei strittigen Themen nicht nur die ständig Aufsässigen (soll es ja auch geben), sondern mittlerweile alle Bevölkerungsschichten. Ein Baumhaus im Hambacher Forst gehört eigentlich schon zu einer ersten Adresse. Erzählt man davon im Freundeskreis, erntet man Lob und Bewunderung!

Wobei die ganzen Aktionen eher grundsätzlichen den lokal begrenzten Charakter haben. Da braut sich was zusammen, ohne Hopfen und Malz. Und, wichtiger noch: Das ist nur der Anfang. Nicht umsonst gibt es ja die alte Weisheit: „Wem die Straße gehört, gehört die Macht.“ Ob das Ende der DDR, die französische Revolution oder die heute, als Überbleibsel, oft praktizierten Autokorsos nach erfolgreichen Was-auch-immer-Veranstaltungen, die Straße ist der Ausgangs- und Entscheidungspunkt.

Und auf den Straßen treffen die Menschen ja (immer noch trotz Vernetzung) zusammen. Und man hat, um bei dem Bild des Brauens (nicht Grauens!) zu bleiben, die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Es wird diskutiert, beantragt, geklagt, entschieden, und am Ende steht jeder ratlos da. Und wenn das alles zu viel wird, um Gigerenzer da ein wenig zu verbiegen, reagiert die Bevölkerung mit weitgehender Verweigerung. Und diese kann dramatische Folgen haben. Die politischen Umgruppierungen bei den aktuellen Wahlen in Bayern und Hessen sind nur ein Beleg dafür, auch das Ende der Bundeskanzlerin naht.

Man sollte bei den ganzen Debatten nicht vergessen, dass ein Stich ins Herz der autofahrerischen Seele emotional sehr schmerzhaft sein kann. Herzlose Gerichte und Richter erlauben und ordnen sogar im Wochentakt neue Fahrverbote an, derweil die Auswege für die gebeutelten Autobesitzer immer enger werden. Die Politik kommt heute mit dem einen Angebot und sagt am nächsten Tag, ich scheue(r) mich nicht, dies wieder zurückzunehmen.

Mitunter ist auch Goethe aus Faust I dazu ganz schicklich zu zitieren: „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“ Das mit dem Denken ist so eine Sache, denn man weiß nie, wer da gerade denkt (oder auch nicht).

Vielleicht sollte man das mit dem Denken sowieso ganz lassen und nur noch der Intuition folgen. Im Sport funktioniert das wunderbar. Beim Golf, eine der kompliziertesten Sportarten überhaupt, gibt es die „Kagami-Philosophie“, AUTOR die auf der kompletten Trennung von Geist und Handlung beruht. Vielleicht auch eine Anregung für unsere Politiker (wenn nicht schon umgesetzt!). Trump spielt ja schließlich nun auch hin und wieder Golf …

Die Autowerbung hat von jeher versucht, die Gefühle und Emotionen der potenziellen Käufer, häufig mit Erfolg, anzusprechen und sie so zu fesseln. Es gibt kaum Werbungen, die so stark in Erinnerung bleiben wie die perfekt ausgearbeiteten Plots der Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Wird doch die gesamte Gemütswelt des Menschen in die „Automobilwelt“ projiziert.

Nicht zuletzt schlägt das Herz des Autofahrers hoch, wenn diese Beziehung eingetrübt werden soll. Alles nur verständlich. Nun hat der gemeine Autofahrer andererseits auch eine sehr „ambivalente“ Beziehung zum Straßenverkehr.

Einerseits die Umwelt schonen, andererseits so mobil sein wie möglich. Einschnitte sind nur mit entsprechenden Alternativangeboten möglich, am besten soll es dadurch sogar noch besser werden, finanziell wie zeitlich. Wir suchen also mal wieder nach der Eier legenden Wollmilchsau! Allerdings fehlt dann manchmal das Maß, und das auf allen Seiten: beim Gesetzgeber, beim Straßenverwalter und Umweltsheriff wie beim Nutzer.

Schade nur, dass auf allen Seiten die Sachkenntnis als Letztes auf der Agenda steht. Warum auch, das würde ja am Ende richtig Aufwand bedeuten, den Argumenten, von wem auch immer, etwas Schlagendes entgegenzusetzen. Da reiht man sich lieber ein in die Phalanx der Nörgler und Mitschwimmer, das Denken übernehmen sowieso die anderen.

Wie paradox (oder besser schizophren?) die Situation tatsächlich ist, zeigen harte Zahlen und Fakten. Sollte man annehmen, aufgrund von Umwelt- und Schadstoffausstoßbedenken würde sich die Zahl der Fahrzeuge entsprechend „nach unten“ bewegen, so sieht man sich angesichts aktueller Zahlen deutlich im Irrtum. So nahm die Anzahl der Neuzulassungen von SUV zwischen 2013 und 2017 um stolze 112 Prozent zu (in Zahlen: auf 521.000), bei den ureigenen Geländewagen betrug das Wachstum immerhin noch 37 Prozent (auf 299.000).

Der Anteil dieser Fahrzeugklassen steigt trotz aller Unkenrufe (ist die Unke („Bombina“) eigentlich auch gefährdet?) stetig weiter an. Die Rheinische Post titelte sogar, die Nachfrage würde „explodieren“. Für Düsseldorf beispielsweise ergibt sich parallel zum Bevölkerungswachstum eine markante Zunahme neu zugelassener Fahrzeuge, eine Trendwende scheint da nicht in Sicht, obwohl der Anteil der Selbstzünder trotzdem deutlich nachlässt.

Sei es, wie es ist, aber mir wurde durch Gespräche auf einmal klar, dass wir in Deutschland anscheinend wieder ein Inseldasein fristen, wie bei den Geschwindigkeitsbeschränkungen. Bei uns hört man jede Woche von einer größeren Stadt etwas über Fahrverbote für Dieselfahrzeuge. Wo aber findet diese Diskussion in unseren Nachbarländern und deren größeren Städten statt? Wird hier nur nicht darüber berichtet oder gibt es da nichts zu berichten?

Nicht ganz richtig. Österreich denkt schon, auch speziell für Wien, über Maßnahmen nach. In Italien ist das Thema schon länger auf dem Tisch. Mailand, Paris und Madrid und ganz viele andere planen für 2030 mit dem Verbot von was auch immer. Wir sind also nicht allein im Schadstoffuniversum!

Beruhigen kann man die emotionalisierten Autofahrer, ob Diesel oder Benziner, nicht. Denn gerade Benziner werden der nächste Streitpunkt werden, denn dann wird (wieder) über Feinstaub geredet, der viel schädlicher ist als die momentan medienwirksamen Stickoxide.

Wer bei der ganzen Diskussion noch rhetorisch strategisch ein wenig nachbessern möchte, dem sei Arthur Schopenhauers „Die Kunst, Recht zu behalten“ ans Herz gelegt. Die dort aufgelegten 38 Kunstgriffe waren auch Grundlage des sehenswerten aktuellen Kinofilms „Die brillante Mademoiselle Neïla“.

Eine Kostprobe daraus vielleicht zum Abschluss (Kunstgriff 18, in freier Abwandlung von mir auf Diesel bezogen): „Ein brillanter Streich ist die retorsio argumenti: wenn das Argument, das man für sich gebrauchen will, besser gegen den anderen gebraucht werden kann. Beispiel: „Es ist ein Diesel, man muss ihm etwas zugutehalten. Retorsio: Eben weil es ein Diesel ist, muss man ihn verbieten, damit er nicht verharre in seinen bösen Angewohnheiten.“

Es gäbe noch viele andere Anwendungsmöglichkeiten von Schopenhauers Kunstgriffen. Leider fehlt bei uns heute häufig die Kunst bei den Griffen. Die aber wäre notwendig, um die „Automotionen“ zu zügeln. Und deren Wirkung sollte man beileibe nicht unterschätzen!

 

AUTOR

PROFESSOR DR. MICHAEL SCHRECKENBERG, geboren 1956 in Düsseldorf, studierte Theoretische Physik an der Universität zu Köln, an der er 1985 in Statistischer Physik promovierte. 1994 wechselte er zur Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für Physik von Transport und Verkehr erhielt. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet er an der Modellierung, Simulation und Optimierung von Transportsystemen in großen Netzwerken, besonders im Straßenverkehr, und dem Einfluss von menschlichem Verhalten darauf.

Seine aktuellen Aktivitäten umfassen Onlineverkehrsprognosen für das Autobahnnetzwerk von Nordrhein- Westfalen, die Reaktion von Autofahrern auf Verkehrsinformationen und die Analyse von Menschenmengen bei Evakuierungen.

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