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Viele Assistenten sind sinnvoll und machen das Fahren sicherer, allerdings sollte man ihnen nicht blind vertrauen

Sinnvolle Assistenten?

Sie sind nicht mehr wegzudenken, nahezu jedes neue Auto besitzt sie, wenn auch in unterschiedlicher Quantität. Die Rede ist von Fahrerassistenzsystemen. Aber was bringen sie wirklich? Machen sie das Fahren wirklich sicherer? Oder führen sie vielmehr zu Unaufmerksamkeit und Leichtsinn, weil man ihnen blind vertraut? Flottenmanagement hat sich dem Thema angenommen.

„Der Trend ist eindeutig: Fahrerassistenzsysteme werden bald so selbstverständlich zur Ausstattung von Autos gehören wie Radio und ESP“, sagte Bosch-Geschäftsführer Dr. Dirk Hoheisel im Frühjahr 2018. Damit wird er wohl recht haben, aber welche Assistenten sind notwendig oder sinnvoll und weniger sinnvoll?

Im Jahr 2016 waren in Deutschland 62 Prozent der neu zugelassenen Pkw mit einem Parkassistenzsystem ausgestattet – angefangen bei Parkpiepsern bis hin zu automatischen Parkassistenten. Der Hintergrund ist klar: Sie sollen Parkschäden verhindern beziehungsweise wenigstens minimieren. Immerhin werden in Deutschland rund zwei Millionen solcher Schäden pro Jahr aufgenommen, die Schadensumme beläuft sich auf mehrere Milliarden Euro.

Eine Analyse der HUK-COBURG aus dem Jahr 2017 ergab: Die Zahl der Parkschäden hat sich beim eigenen Fahrzeugbestand (damaliger Stand waren in etwa elf Millionen Fahrzeuge) trotz der zunehmenden Ausstattung mit diesem Assistenten nicht verringert. Klaus-Jürgen Heitmann, Kfz-Vorstand der HUK-COBURG: „Einparkhilfen mit akustischen Hinweisen führen bislang nicht zu weniger Schäden. Wir sehen Stand heute keinen Rückgang bei Parkschäden, und das trotz der hohen Verbaurate von Einparkhilfen. Und die Schadenkosten sind sogar noch leicht gestiegen: Der Schadendurchschnitt ist leicht nach oben gegangen, weil bei Parkschäden mittlerweile teure Sensorik beschädigt wird.“

Was sind die Gründe dafür? Letztlich kann hier nur gemutmaßt werden. Autos sind in den letzten Jahren zum Teil noch größer und unübersichtlicher geworden, sodass auch ein Assistent womöglich nicht immer ausreicht. Bei einem Poolfahrzeug kann es zudem sein, dass ein Fahrer den Parkassistenten ganz ausschaltet und vergisst, dies bei der Fahrzeugrückgabe wieder umzustellen. Zudem stellt sich bei der Nutzung von Parkassistenten die Frage, ob die Fahrer richtig reagieren. Ein Fuhrparkleiter meint dazu: „Es wird sich einfach viel zu sehr auf die Systeme verlassen, manch einer fährt auch noch bei einem Dauerton weiter. Unsere Schadenquote im Fuhrpark ging letztlich sogar hoch. Daher haben wir die Systeme bei unseren Fahrzeugen jetzt auch wieder abgeschafft.“

Aber: Nicht alles ist schlecht. So sind die Entwicklungen in den letzten Jahren vielversprechend, Notbremssysteme oder Visualisierungstechniken versprechen bei den aufgezeigten Problematiken Abhilfe. So geht Klaus-Jürgen Heitmann auch künftig von signifikanten Rückgängen aus. „Wenn die neuen, innovativen Systeme zur Verhinderung von Parkschäden genutzt werden, dann könnten 25 Prozent entfallen. Der Schadenaufwand dürfte sich dann um 20 Prozent reduzieren.“

Assistenten bald Pflicht?
„Fahrerassistenzsysteme sorgen für einen Gewinn an Sicherheit und verhindern schon heute viele Unfälle. Gegen Auffahrunfälle zum Beispiel sind Notbremsassistenten eine wertvolle Hilfe“, sagt Continental-Vorstandsmitglied Frank Jourdan, der bei dem Zulieferer die Division Chassis & Safety verantwortet.

Eben diese automatischen Notbremssysteme, die den Fahrer warnen oder ein Auto zur Not bis zum Stillstand abbremsen, sind in mehr als jedem dritten Neuwagen (Stand 2016: 38 Prozent, Tendenz steigend) verbaut. Je nach Hersteller, Klasse und Alter des Fahrzeugs gibt es hier unterschiedliche Ausbaustufen – nicht zu verwechseln sind sie allerdings mit Bremsassistenten, die die Bremsung „nur“ unterstützen.

Die Crashtest-Organisation Euro NCAP hat die Vergabe der Höchstpunktzahl gar an das Vorhandensein einer automatischen Notbremse in einem Fahrzeug geknüpft. Die EU-Kommission möchte neu zugelassene Pkw künftig verpflichtend mit einem Notbrems- und Spurhalteassistenten ausgestattet sehen. „90 Prozent der Verkehrsunfälle sind auf menschliches Versagen zurückzuführen“, sagte EU-Kommissarin Elzbieta Bienkowska. Die neuen verpflichtenden Sicherheitsvorgaben würden die Zahl der Unfälle reduzieren und den Weg für eine fahrerlose Zukunft des vernetzten und automatisierten Fahrens bereiten, so Bienkowska weiter. Der Vorschlag (er umfasst 15 Sicherheitssysteme für Pkw und Lkw) der Kommission und dessen mögliche Umsetzung werden dieser Tage im EU-Parlament und im Europäischen Rat diskutiert. Eine Sprecherin der EU-Kommission sagte, dass es das Ziel sei, den Beschluss über verpflichtende Assistenzsysteme in Neuwagen bis zum Mai 2019 zu fassen.

Was können die Systeme? Kaum ein Autofahrer ist wohl geübt genug oder geschult darin, ein Fahrzeug in einer Notsituation sicher zum Stehen zu bringen. Ein Notbremssystem der aktuellen Generation löst die automatische Notbremsung etwa eine halbe Sekunde vor einer berechneten Kollision aus. Dabei wird dieser Vorgang vom integrierten ABS und dem elektronischen Stabilitätsprogramm ESP unterstützt. „In dieser kritischen Situation hat der Fahrer keine Eingriffsmöglichkeiten mehr“, sagt Dr. Johann Gwehenberger, Leiter der Unfallforschung im Allianz Zentrum für Technik in München, gegenüber der Zeit. Gemäß Gwehenberger reagiere die Technik schneller als der Mensch und sei so nachweislich überlegen. Laut Sicherheitsexperte Thomas Breitling vom ACE Auto Club Europa e. V. würden so wichtige Zentimeter herausgekitzelt werden, die über Leben und Tod entscheiden können. Er stößt in das gleiche Horn wie die EU-Kommission: „Der Notbremsassistent sollte auch im Auto verpflichtend zur Serienausstattung gehören, bei Lkw ist er das ja schon seit November 2015“, so Breitling.

Rund die Hälfte aller Auffahrunfälle könne sich heute mit modernen Systemen verhindern lassen, sagt Johann Gwehenberger. Mit modernen Systemen meint er in diesem Fall Notbremsassistenten – die funktionieren nebenbei bemerkt auch dann, wenn Fahrzeuge versetzt hintereinanderfahren. Hinzu kommt bei modernen Systemen eine zuverlässige implementierte Fußgängererkennung. Unfallforscher gehen davon aus, dass damit eine große Chance bestehe, die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Fußgänger deutlich zu senken.

Weitere Assistenten
Es gibt eine Vielzahl von weiteren Assistenten. Für sinnvoll hält ACE-Sicherheitsexperte Breitling unter anderem noch den Spurwechsel- und Totwinkelassistenten. „Im Alter fällt der Schulterblick zunehmend schwerer, entsprechend unterstützt das System bei lebenslanger Mobilität.“ Außerdem wären manche moderne Autos so verbaut, dass sie nur eine schlechte Rundumsicht bieten würden. Nachteil: Komplett verlassen kann man sich auf die Systeme nicht. Nicht jeder Totwinkelassistent erkennt beispielsweise Fahrräder zuverlässig. Andere Systeme funktionieren erst ab 60 km/h und sind somit im Stadtverkehr keine Hilfe. Baustellen wiederum können manchen Spurwechselassistenten aufgrund der Vermischung von vorübergehend und ehemals gültigen Fahrbahnmarkierungen im wahrsten Sinne aus der Bahn werfen.

Komfortextras wie Fernlichtassistent und adaptiver Geschwindigkeitsautomat sieht Breitling grundsätzlich als positiv, da sicherheitserhöhend an. Kritisch steht er dem Müdigkeitsassistenten gegenüber: „An sich sinnvoll, Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass sich einige Autofahrer auf den Müdigkeitsassistenten verlassen und fahren, bis die Kaffeetasse im Display erscheint“, sagt er. „Die Fahrt wird ausgereizt, bis die Augen zufallen. Das ist kontraproduktiv.“ Autoverkäufer und Hersteller sollten hier auch vermehrt auf die Risiken hinweisen. Auch stellen manche Systeme das Auto selbst vor Probleme. So lässt sich beispielsweise der per se sinnvolle Abstandsregler nur schwer mit einem manuellen Getriebe in Einklang bringen.

Rolle der Versicherungen
Der Sinn oder Unsinn der verschiedenen Systeme sei nun einmal dahingestellt. Die Anzahl der Schäden wird in den nächsten Jahren deutlich zurückgehen, darin sind sich Experten einig. Für die deutschen Schaden-Unfallversicherer heißt das vermutlich, dass sich das Prämienvolumen in der Kfz-Versicherung von 24,3 Milliarden Euro (Stand 2018) in nächster Zeit verringern wird. Das ist auch die Meinung der renommierten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG.

Gemäß der KPMG-Analysten wird dafür eine Mischung aus geändertem Mobilitätsverhalten (Carsharing) sowie technologischen Neuerungen wie Fahrerassistenzsystemen, autonomen Fahrzeugen und 3-D-Druckern verantwortlich zeichnen. Je nach Dynamik der technologischen Entwicklung käme man anhand von Modellrechnungen auf einen Rückgang des Kfz-Prämienvolumens um bis zu 45 Prozent. Für Fahrzeughalter dürften Policen im selben Maße preiswerter werden, mutmaßen die Prüfer.

Welchen Anteil haben daran genau die Assistenten? Dieser Frage ging der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. (GDV) kürzlich auf den Grund. Demnach würden neue Systeme Autofahren zwar sicherer machen, der technologische Fortschritt habe aber auf absehbare Zeit nur einen geringen Einfluss auf das Schadengeschehen. Der Verband geht bis 2035 von sinkenden Entschädigungsleistungen zwischen 7 und 15 Prozent aus. Den größten Effekt auf Kfz-Haftpflichtschäden hätten demnach Notbremsassistenten sowie Park- und Rangierassistenten (die nicht nur warnen, sondern das Auto auch lenken und bremsen).

Interessante Anekdote am Rande: Als das ABS in den 1980er-Jahren serienmäßig für Fahrzeuge eingeführt wurde, gingen die Versicherungen von deutlich sinkenden Unfallzahlen aus. „Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass bei den damaligen Autos mit ABS die Unfallzahlen sogar gestiegen sind, aus zweierlei Gründen: Der Bremsweg wurde länger, und die Fahrer konnten den Vorteil des ABS – Ausweichen durch Lenken – während der Notbremsung nicht umsetzen“, berichtet Johann Gwehenberger.

Fazit
Es zeigt sich: Nicht alles ist vorhersehbar, schon gar nicht die weitere Entwicklung bei den Fahrerassistenten. Viele der heute auf dem Markt verfügbaren Systeme steigern die Sicherheit und den Komfort. Vorsicht ist vor Assistenten wie dem Müdigkeitswarner oder dem Parkpiepser geboten, deren Nutzen infrage gestellt werden kann. Die eigene körperliche Verfassung kann man letztlich immer noch am besten selbst beurteilen und beim Rangieren in eine enge Parklücke sollte man sich auch nicht blind auf die piepsenden Töne des Systems verlassen. Und dies gilt grundsätzlich bei den Assistenten. Denn sie sind letztlich nur Helfer und keine Garantie oder gar eine Sicherheit für unfallfreies Fahren. So können beispielsweise kamerabasierte Assistenzsysteme bei ungünstigen Witterungsverhältnissen wie Regen, Schnee und Nebel ungenau arbeiten oder gar ausfallen. Auch Straßenmarkierungen und Verkehrszeichen könnten bei Verschmutzung oder schlechten Witterungsbedingungen nicht erfasst werden. Im Zweifel muss sich der Fahrer auf sich selbst verlassen können. Regelmäßige Fahrsicherheitstrainings sind hier hilfreich.

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